Eine WG mit der dementen Mutter? Die beste Entscheidung überhaupt!

von Maja Sommerhalder

Krieg, Flucht, zwei Ehemänner verloren und nun Demenz: Christl Clausen hat einiges mitgemacht. Und doch ist die 93-Jährige voller Lebensfreude. Damit steckt sie auch ihren Sohn Markus Frutig an, mit dem sie in einer Wohngemeinschaft lebt: “Ich geniesse jeden Tag mit ihr.”

“Der Zweite Weltkrieg war schlimm. Aber ich habe alles vergessen”, sagt Christl Clausen und wirkt dabei ganz heiter. “Meine Mutter war schon immer eine Optimistin, aber durch ihre Demenz nimmt sie alles noch viel lockerer”, sagt ihr Sohn Markus Frutig (54). Schlimme Ereignisse stressen sie inzwischen überhaupt nicht mehr: “Das ist ein grosses Glück.”

Die beiden sitzen am Esstisch in ihrer modernen Wohnung in Unterengstringen (ZH), die sie sich mit einem weiteren Mitbewohner teilen. Das Interview führen wir per Videotelefonie – Christl Clausen schaut in die Kamera und zeigt auf ihre Wangen: “Schau, ich habe noch schöne Grübchen. 93 bin ich.”

Die Erinnerungen ploppen plötzlich auf

Und ihre vergangenen 93 Jahre liefern Stoff für einen spannenden Roman. Doch wenn man sie danach fragt, sind ihre Antworten zunächst einsilbig. Ihr Sohn hilft ihr beim Erzählen. Immer wieder ploppen Erinnerungen auf. “Als ich mal während des Krieges von der Schule nach Hause lief, wurde von einem englischen Sturzkampfbomber mit seinem Maschinengewehr auf mich gezielt. Glücklicherweise riss mich ein deutscher Soldat in letzter Sekunde aus dem Schussfeld.”

Christl mit Bruder Fred und Eltern mit ca. 9 Jahren.

Christl Clausen wurde 1928 in Nixdorf geboren, die ehemals sudetendeutsche Kleinstadt gehört seit 1945 zu Tschechien. Ihr Alltag war ausgefüllt mit Schule, Theater und Klavierunterricht, aber auch mit teils harter Arbeit in der Landwirtschaft mütterlicherseits. “Während andere Hausaufgaben machten, musste ich manchmal Kartoffelsäcke vom Keller hochschleppen.”

Flucht, Kriegsgefangenschaft, Migration in die Schweiz und ins Kloster

Vom Zweiten Weltkrieg selbst bekam sie nicht allzu viel mit. Doch kaum war dieser vorbei, wurde ihre Familie von der tschechischen Armee aus ihrer Heimat vertrieben. Ihr Vater kam in Kriegsgefangenschaft, durch dessen Folgen er einige Jahre später an Tuberkulose starb. “Meinen Bruder erkannte ich kaum wieder, als er nach fünf Jahren aus der Gefangenschaft in Sibirien zurückkehrte.”

Über Umwege kam die diplomierte Damen- und Herrenschneiderin Anfang der 60er-Jahre in die Schweiz. Beinahe wäre sie im Zürcher Modehaus Grieder zur leitenden Schneiderin befördert worden, doch eine eifersüchtige Arbeitskollegin attackierte sie körperlich.

Weihnachten 1958 in München ca. 1 Jahr nach dem Schneider Diplom.

Die Mittdreissigerin beschloss, Nonne zu werden. Doch nach wenigen, harten Monaten im Kloster kehrte sie jedoch wieder in die Schweiz zurück und verliebte sich. Der frisch gebackene Familienvater kam nur acht Wochen nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Markus ums Leben. Nun stand sie mit ihrem Kind allein da.

Schicksal schlug erneut zu

“Meine Mutter meisterte dieses Schicksal mit Bravour. Tagsüber kümmerte sie sich um mich und nachts arbeitete sie hart als Putzfrau.” Sie lebten in einem renovierungsbedürftigen Haus, das Einkommen war bescheiden. Trotzdem fehlte es dem kleinen Markus an nichts: “Kaum ein Kind erhielt so viel Liebe, Zuneigung und Geborgenheit wie ich.”

Als er sieben Jahre alt war, verliebte sich Christl erneut. “Doch nach neun Jahren glücklicher Ehe starb mein Stiefvater während meiner Matura 1988 an Krebs.” Auch diesmal liess Christl sich nicht unterkriegen. Sie suchte sich einen neuen Job und eine Wohnung. Nach ihrer Pensionierung ging sie oft reisen. Ab und zu mit ihrem Sohn zusammen: “Sonst war unser Kontakt nicht allzu intensiv. Als Chefredaktor für ein Fachmagazin arbeitete ich viel und meine Mutter war ja immer unglaublich selbstständig.”

Demenz: erste Veränderungen in den Ferien

Bis Markus Frutig in den gemeinsamen Ferien in Teneriffa vor acht Jahren Veränderungen bei seiner Mutter bemerkte: “Sie war geistig abwesend, traute sich nicht mehr allein ins Meer und vergass ihre Zimmernummer.”

Ein befreundeter Arzt stellte einige Monate später die Diagnose Demenz: “Klar, das war sehr schmerzhaft für uns. Wir wussten ja nicht, was auf uns zukommt.” Sie entschieden sich aufgrund von Nebenwirkungen gegen klassische Alzheimer-Medikamente, dafür setzten sie auf Naturheilkunde, Gedächtnistraining und eine zucker- sowie glutamatarme Ernährung.

“Immerhin schritt dadurch die Krankheit langsam voran”, sagt Markus Frutig: “Meine Mutter lebte dank der Unterstützung der Nachbarin bis Ende 2021 in ihrer eigenen Wohnung – auch körperlich war sie sehr fit und ging gerne allein spazieren.”

Die beste Entscheidung

Doch dann verlief sie sich immer öfters. Christl Clausen schaut ihren Sohn entsetzt an, als er erzählt, dass er mal fast drei Stunden lang nach ihr suchte: “Wirklich? Das ist furchtbar.” Weil ein Pflegeheim für beide nicht infrage kam, holte Markus Frutig sie in seine Wohnung. “Die beste Entscheidung überhaupt.”

Mutter und Sohn in Stockholm, 2006

Kochen, Anziehen, die Wohnung verlassen – bei vielen alltäglichen Dingen braucht Christl Clausen Unterstützung. Dank ihres Sohnes und der Spitex kommt sie gut zurecht. “Ich kann sie problemlos für einige Stunden in der Wohnung lassen, ohne dass sie sich in Gefahr bringt.” Und wenn mal etwas passieren sollte, ist er froh, dass seine Mutter nun eine Notrufuhr hat.

Sie ist wie eine kleine Tochter für mich

“Meine Mutter hat so viel für mich gemacht. Jetzt ist sie wie eine kleine Tochter für mich”, sagt Markus Frutig und küsst sie auf die Wange: “Natürlich tut es mir manchmal weh, dass sie nicht mehr so selbstständig ist. Doch ich geniesse jeden Tag mit ihr.” Die Lebensfreude seiner Mutter sei ansteckend: “Sie lehrt mich, alles ein bisschen leichter zu nehmen.”

Deshalb vermisse er seine Freiheiten auch nicht: “Wenn ich mal verreisen will, dann nehme ich meine Mutter einfach mit.” Erst kürzlich waren sie zum 22. oder 23. Mal in Ägypten. Auf die Frage, was ihr am besten gefallen habe, antwortet Christl Clausen ohne zu zögern: “Die Sphinx.” – “Mami, da waren wir doch gar nicht, sondern nur in El Quseir!” Die 93-Jährige schaut ihren Sohn kurz an: “Ach ja.” Beide lachen herzlich.


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