Ein Besuch, der Fragen aufwirft
Das Auto ist bis unters Dach mit Geschenken gefüllt, der Verkehr auf der A1 schiebt sich langsam vorwärts. „Wie lang geht’s noch?“, ruft eines der Kinder von hinten. Tanja lächelt – nicht nur ihre beiden freuen sich auf Grossmutter und Grossvater, auch sie selbst kann es kaum erwarten. Seit dem Sommer hat sie ihre Eltern und Geschwister nicht mehr gesehen. Nun reisen sie endlich für die Weihnachtstage an.
Doch gleich nach der Ankunft merkt Tanja, dass sich bei ihren Eltern etwas verändert hat. Die Wohnung ist ungewohnt unordentlich, ihr 83-jähriger Vater schwankt beim Gehen und hält die Kaffeetasse zitternd fest. Ihre 82-jährige Mutter wirkt in der Küche unsicher und stellt mehrfach dieselben Fragen. „Grosi, das hast du doch gerade gefragt!“, sagt ihr Sohn lachend – doch Tanja spürt, dass da mehr dahintersteckt. Haben ihre Geschwister, die häufiger vorbeikommen, das auch bemerkt? Sie sagen zumindest nichts.
Ansprechen – oder besser schweigen?
Tanja zögert. Soll sie ihre Beobachtungen ansprechen? Einerseits möchte sie die festliche Stimmung nicht belasten, andererseits fällt es ihr schwer, wieder in ihr 300 Kilometer entferntes Zuhause zurückzufahren, ohne diese Sorgen thematisiert zu haben. Was, wenn ihr Vater stürzt? Oder die Vergesslichkeit der Mutter ein frühes Zeichen einer Demenz ist?
Obwohl Tanjas Geschichte fiktiv ist, erleben viele Familien an Weihnachten ähnliche Situationen. „Wenn man sich längere Zeit nicht begegnet, fallen schleichende Veränderungen besonders auf. Das kann Angehörige verunsichern oder überfordern“, erklärt der deutsche Pflegeexperte André Scholz. Trotzdem rät er davon ab, sofort aktiv zu werden oder ungefragt zu handeln. „Überrumpelungen kommen selten gut an.“
Besser sei es laut Scholz, zuerst die eigenen Gefühle zu sortieren und zu überlegen, was man selbst leisten kann oder möchte. Auch ein Gespräch mit Geschwistern oder nahen Verwandten könne hilfreich sein, um die Eindrücke einzuordnen.
Nicht immer sei sofortiges Eingreifen nötig: „Vielleicht empfinden nur die Angehörigen die Unordnung als problematisch, während die Eltern selbst gut damit zurechtkommen.“ Oft fühlen sich ältere Menschen fitter, als ihr Umfeld vermutet. Die Selbstbestimmung der Eltern zu respektieren, sei zentral – ausser bei deutlichen Anzeichen wie fortgeschrittener Demenz oder psychischen Erkrankungen.
Über André Scholz
Der Pflegeexperte und dipl. Pflegewirt (FH) André Scholz arbeitet als Pflegeberater und Case Manager. In dieser Funktion bemerkte er, dass Angebote rund um Erholung, Auszeiten oder Ferien für pflegebedürftige Menschen und ihre betreuenden Angehörigen kaum vorhanden sind. Um diese Lücke zu schliessen, gründete er den Verein Reisemaulwurf e.V..
Scholz ist ursprünglich ausgebildeter Altenpfleger. Aufgewachsen in einer grossen Familie, hat er zudem zahlreiche Pflegesituationen als sorgender Angehöriger miterlebt und mitgestaltet.
Keine Befehle – sondern Unterstützung
Soll Tanja also so tun, als wäre alles normal? Auch davon rät Pflegeexperte Scholz ab. „Es ist völlig legitim, Sorgen anzusprechen – aber lieber in einem ruhigen Moment als während der Bescherung.“
Anweisungen seien jedoch kontraproduktiv: „Wenn man älteren Menschen vorschreibt, was sie tun sollen, führt das oft zu Widerstand.“ Hilfreicher seien konkrete Angebote – etwa die Begleitung zu einem Arzttermin oder ein gemeinsamer Blick auf mögliche Entlastungsangebote. Wichtig sei auch, sich nicht nur auf Probleme zu fokussieren, sondern gemeinsame Ziele zu definieren. „Zum Beispiel, wie lange ein Leben in den eigenen vier Wänden realistisch möglich ist.“
Zur vorausschauenden Planung gehören Hinweise auf hilfreiche Alltagshilfen – von Haushaltsunterstützung über Notrufuhren bis hin zu Gehhilfen, die Stürze vermeiden können.
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Geduld, Empathie und professionelle Beratung
Oft braucht es Zeit, bis ältere Menschen Unterstützung annehmen. Scholz empfiehlt, geduldig zu bleiben und behutsam vorzuschlagen, kleine Veränderungen auszuprobieren. Manchmal helfen auch positive Beispiele aus dem Umfeld – etwa wenn eine Bekannte erzählt, wie sehr ihr ein Rollator oder Notfallknopf den Alltag erleichtert hat.
Pflegeexperte Scholz erinnert an eine ältere Frau, die partout keinen Rollstuhl benutzen wollte – bis ihre Enkelin sagte: „Grosi, ich möchte mit dir ein Glacé essen gehen, aber nur, wenn du den Rollstuhl nimmst. Ich habe Angst, dass du sonst hinfällst.“ Danach akzeptierte die Grossmutter die Hilfe – weil sie dadurch wieder am Leben teilnehmen konnte.
Auch Fachpersonen können vermitteln. Scholz empfiehlt, kostenlose Pflegeberatungen zu nutzen, um Möglichkeiten und Unterstützungsangebote kennenzulernen.
Angehörige müssen nicht alles selbst stemmen
Wie viel Unterstützung man leisten kann, hängt stark von der eigenen Lebenssituation und dem Verhältnis zu den Eltern ab. Wichtig sei, die eigenen Grenzen zu kennen. „Niemandem ist geholfen, wenn Angehörige sich überfordern und selbst krank werden“, betont Scholz.
Pflege aus der Ferne sei möglich – und oft eine grosse Entlastung. Tanja aus unserem Beispiel lebt weit entfernt und arbeitet in einem anspruchsvollen Job. Gemeinsam mit ihren Geschwistern übernimmt sie administrative Aufgaben für die Eltern. Alle zwei Monate fährt sie zu ihren Eltern. Während sie früher beim Putzen half, kümmert sich inzwischen eine Haushälterin darum. So bleibt Tanja mehr Zeit, um mit ihren Eltern etwas Schönes zu unternehmen – sehr zur Freude ihres Vaters, der anfangs gar keine fremde Person im Haus wollte.